16 April 2006

Zu Ostern: Apostel Paulus jetzt auch für ein Grundeinkommen

"Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen", soll er gesagt haben, der Apostel Paulus, erbitterter Christenjäger und bei Damaskus dann erster, dem der Aufgefahrene in geistiger Realität auf Erden begegnete. Das bekehrt.

In der Debatte um ein Grundeinkommen wird Paulus' Satz vom Arbeiten und Essen oft zitiert. Er steht dann zum Abschuss freigegeben als Moral mit der Knute, Menschenverachtend.
Tief sitzt der Satz im kollektiven Bewusstsein.
Es gab eine Zeit, in der jede Hand gebraucht wurde für die Herstellung des Lebensnotwendigen. Wer da seinen hungrigen Mund auftat ohne mitgeschafft zu haben, nahm den Anderen den Speck vom Teller. Oder die Petersilie. Mangel herrschte bei den Massen. Die Tafel bog sich nur beim Grundbesitzer. So ist der Satz in der jüngeren Geschichte denn auch lauthals gegen die gerichtet worden, die als reiche Säcke und Rentiers sich von anderen versorgen ließen ohne selbst etwas zu tun.

Doch wie hat Paulus sein Statement gemeint?
In den frühen Christengemeinden, die Paulus betreute, war die Erwartung des Himmelreiches nah. So nahe, dass manche meinten, zu arbeiten lohne sich nicht mehr. Logisch, oder? Das allerdings war schlecht für die Gemeinden. Denn die konnten nur bestehen, wenn alle etwas einbrachten. Paulus, der Apostel, wird sich geärgert haben vor allem über die Unehrlichkeit derer gegenüber sich selbst, denen die fromme Erwartung die Arbeit abnahm. Von den Leistungen der Anderen profitierten sie um so mehr. Wenn sie schon so dem Glauben hingegeben – eigentlich aber in einer Hybris der Heilsberauschung – auf die Arbeit verzichteten, weil ja Morgen alles Irdische ohnehin in den Zustand der Glückseligkeit übergeht, dann sollten sie, so Paulus, konsequenter Weise auch vom Essen Abstand nehmen. Logisch. Denn das ist dann ja auch überflüssig. Oder? Ein Anstoß zur Selbsterkenntnis war das, ein Wink mit dem Zaunpfahl und ein Satz mit Humor: "Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen." Wie ernst ist es euch denn mit der schon in Besitz genommenen Himmelserwartung? Bleibt mal auf dem Teppich! Wir haben noch kein Grundeinkommen! Es wird auch nicht deshalb kommen, weil einige es für sich wollen und sich um den Rest nicht scheren. Wenn ihr die Angenehmlichkeiten für euch vorwegnehmen wollt, dann nehmt bitte auch die persönliche Identitätsfrage schon mal vor. Das Grundeinkommen macht niemanden arbeitslos. Ganz im Gegenteil. Es nimmt euch kein Arbeitgeber mehr die Verantwortung für euer Tun ab. Ihr selbst könnt sie nicht mehr über den Zwang des Verdienstes abgeben.

So haltlos, wie der Satz "Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen" heute gebraucht wird, war er nicht. So zum Kuschen verdammend und eine Daumenschraubengerechtigkeit beschwörend ist er nur in unseren eigenen Hinterköpfen geworden. Die Blödheit des Satzes ist unsere Leistung! Doch die Bekehrung naht.
Es revanchiert sich der Apostel, indem gerade dieser Satz, "Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen ", zum Spieß gegen die Spießer wird, zu einem maroden, leicht zu schleifenden Inbegriff einer Haltung, die jetzt vorgeführt wird, um ihre Absurdität zu belegen - und das Grundeinkommen zu fordern. Der Satz ist in seiner geschichtlich gewordenen Dekadenz ein Einfallstor für die überfällige Einsicht in ein bedingungsloses Grundeinkommen. Paulus sei Dank!
Der Apostel Paulus: für das bedingungslose Grundeinkommen.

Kommentare:

Martin M. Meier hat gesagt…

Der Satz "Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen" lässt sich, falls er einem mal wieder in einer Diskussion über das Grundeinkommen als Gegenargument begegnet, auch noch anders zumindest entkräften:
Wo steht geschrieben, dass jeder sein eigenes Brot anzubauen hat?
Denn in der urchristlichen wie in jeder anderen funktionierenden Gemeinde waren sicher nicht alle mit dem direkten Erwerb ihres eigenen Brotes beschäftigt. Viele arbeiteten für das Brot der anderen, die wiederrum für das eigene. Wenn man also zu Recht davon ausgeht, dass das BGE vielen der ohne Erwerb geleisteten Arbeitsstunden in unserer Welt eine Stütze und Wertschätzung ist, ist es hinfällig, automatisch zu glauben, dass jemand, der sein Einkommen nicht selber zustande bringt, der Gesellschaft keinen überlebenswichtigen Nutzen bringen kann. Damit müssen noch nichtmal nur charitative Arbeiten gemeint sein.

Martin

Anonym hat gesagt…

Martin, you don´t get it!