24 April 2006

Das kollektive "Sollen sie doch Kuchen essen"

Wolf Lotter schreibt Leitartikel in brand eins und in seinem neu erschienenen Buch "Verschwendung":

"Buchhalter waren immer ganz besondere Untertanen, privilegierte Beamte des Staates, deren große Stunde aber erst mit der industriellen Revolution schlug. Sie wurden die Herren über Zahlen und Zeit. Bis heute hüten Buchhalter und ihre Verwandten, die Controller und Finanzvorstände, die damals eingeleitete Trennung von Sinn und Form eines Unternehmens, [...]

Mit der Zeit wurde diese bürokratische Komponente so dominant, dass es scheint, als wäre jegliche Innovation nichts anderes als ein gezielter planerischer Akt. Diese Vorstellung bestimmt seit langem unser Denken über Innovation, und sie ist im neuen Zeitalter der Vielfalt äußerst hinderlich. [...]

Der Beamte sieht die Welt aus seinem statischen Gebilde heraus – zumindest kann er sich das erlauben. Die nicht unkündbaren, nicht "total gesicherten" Existenzen hingegen müssen sich einer Vielzahl an Veränderungen stellen. Wirklich problematisch aber ist daran, dass die, die in statischen, sicheren Lebensbehältern existieren – Beamte oder Machthaber –, denjenigen, die weitaus mehr Lebensrisiken ausgesetzt sind, denen, die der Vielfalt begegnen, ständig die Regeln diktieren. Dies ist ein Widerspruch, der letztlich in einen neuen Kulturkampf bisher ungeahnter Dimensionen münden muss. Es ist das kollektive "Sollen sie doch Kuchen essen" [1] der Bürokratie und ihrer Institutionen, das den Menschen, die sich heute dem Vielfaltsprozess stellen müssen, entgegenschallt."

[1] [Als die hungernde Masse revoltierend vor Versaille aufzog, fragte Marie Antoinette, Königin von Frankreich, einen bei ihr stehenden Offizier, was die Leute denn wollten, was sie denn da schrien?
"Majestät," erklärte der, "die Leute hungern, sie haben kein Brot."
"Wenn sie kein Brot haben, sollen sie doch Kuchen essen."
S'ils n'ont pas de pain, qu'ils mangent de la brioche.

Dieser Satz wird Marie Antoniette zugeschrieben - die Legende will es so, Inbegriff fatalster Ignoranz der Herrschenden - stammt aber aus Jean-Jacques Rousseaus "Confessions", verfasst 1765-70, als Marie Antoinette noch ein Kind war, und ist dort zugewiesen einer 'großen Fürstin'.]

1 Kommentar:

castellan hat gesagt…

die Wahrheit über Marie Antoinette findest du hier:http://marie--antoinette.blogspot.com/